Das Ende der Welt im Wandel der Zeit

Written by Eike Pierstorff

Redemanuskript für einen Vortrag im Berliner ‘Ausland’ für die Veranstaltungsreihe “Dein Wort in Gottes Ohr” (dwigo.net). Der Text ist nicht rechtschreibkorrigiert.

Der Abschnitt über “I am Legend” ist weitgehend eine Übersetzung meiner eigenen Rezension hier im Blog. Für die Verwendung der illustrierenden Videoaussschnitte reklamiere ich “Fair use” (lasse mich von den Rechteinhabern aber gegebenfalls auch ohne Rechtsstreit eines anderen überzeugen).

Einleitung

Religiöse Voraussagen über ein bevorstehendes Ende der Welt gibt es mindestens seit dem zweiten vorchristlichen Jahrtausend (altägyptische Prophezeihungen des Neferti); in der Science Fiction werden Weltuntergangsideen, oder zumindest Ideen vom Untergang der Zivilisation seit rund 50 Jahren behandelt, mit einigen früheren Vorläufern (Mary Shelley „The Last Man” 1826,  Wells „War of the Worlds” 1898, Sinclair „Millenium” 1906).

Das überhaupt noch jemand vor Publikum Vorträge über dieses (oder irgendein anderes) Thema halten kann sagt einiges über den faktischen Gehalt der Vorhersagen in den Genres. Wenn sowohl Religion als auch Science Fiction immer noch Anhänger haben obwohl sie durch die Fakten beständig widerlegt werden lässt das den einigermassen trivialen Schluss zu dass der Zweck der einschlägigen Erzählungen eher auf die jeweilige Gegenwart als auf eine ungewisse Zukunft abzielen. Das bedeutet auch dass sich (im Widerspruch zum ‚Ewigkeitscharakter’ religiöser Schriften) der Zweck apokalyptischer Prophezeihungen im Lauf der Zeit ändert – man kann kaum davon ausgehen dass die Interessen eines Pharaos oder eines frühchristlichen Gemeindeoberhauptes mit denen eines neuzeitlichen Papstes oder gar eines Science Fiction-Autors übereinstimmen.

SF wird oft als Surrogat oder (wie in der Ankündigung zu diesem Vortrag) als Nachfolger religiösen Schriftums angesehen.  Um zu prüfen inwieweit das zutrifft, und inwieweit SF-Texte tatsächlich einen Anschlus an die religiöse Apokalytik suchen benötigt man Definitionen die es erlauben eine Apokalypse von jedem beliebigen Weltuntergang, und Science Fiction von beliebigen anderen Textgattungen zu unterscheiden.

Definitionen

Relevanz

Bevor der Begriff der SF definiert wird möchte ich zuerst demonstrieren wo das Problem bei solchen Definitionsversuchen liegt:

Der Ausschnitt ist nicht nur gewählt weil der Satz von Asimov[1] so gut in die Thematik passt, sondern weil er gewollt das Image von SF-Fans persifliert; demnach sind diese seltsame Gestalten die ihren übertrieben Anspruch auf Ernsthaftigkeit durch exzentrisches Auftreben sabotieren. Um zu verstehen dass SF trotzdem relevant ist hilft es einen Blick auf ihre unbestreitbaren Auswirkungen auf die Gesellschaft zu werfen.

Einen direkt religiösen Bezug gibt es bei der „Church of Scientology”, einer Religionsgemeinschaft/Sekte deren Lehren direkt auf das Werk eines sechstklassigen SF-Autors (Ron Hubbard) zurückgehen. Mit gewissen Zweigen der SF (Hard SF) teilt Scientology den Anspruch der Wissenschaftlichkeit, und ist damit auch ähnlich glaubwürdig (not).  Ein Verbindung zwischen Scientology und Hard SF ergibt sich aus den Sympathien des bekanntesten Magazin-Herausgebers des Golden Age (John W. Campell) für Scientology und andere Pseudowissenschaften.

Allerdings lässt sich (soweit ich das beurteilen kann) der Erlösungsmythos der Scientology nicht direkt mit (christlichen) Vorstellungen von Apokalypse in Einklang bringen.

Nicht religiös, aber ein Stück näher an der Apokalypse ist die Politik des CAC (Citizens Advisory Comittee on National Space Policy) in den USA. Das CAC wurde von Jerry Pournelle (gemeinsam mit Larry Niven, Heinlein, Davin Brin, anderen SF-Autoren, Generälen und Wissenschaftlern) gegründet, als ein Komittee privater Lobbyisten die in den 80er Jahren Ronald Reagan von der Notwendigkeit der Strategic Defense Initiative (SDI) überzeugten; als die UDSSR aus dem Rüstungswettlauf ausstieg und sich auflöste behauptete das CAC dies sei von Beginn an der Plan gewesen.  Wenn man die Neigung des CAC zu Pseudowissenschaften betrachtet (Pournelle bestreitet den menschlichen Einfluss auf den Klimawandel, die Evolutionstheorie und im Anschluss an Peter Duesberg HIV als Ursache von AIDS) scheint es allerdings unwahrscheinlich dass das Komitee planvoll etwas vorausgesagt hat.

Auf der Seite der Engel finden sich Schriftsteller wie Norman Spinrad, Arthur Clarke und Isaac Asimov, die gegen eine Militarisierung des Weltalls und für internationale Zusammenarbeit eintraten; sie gehören zu der Gruppe in der SF die man als „Saganites” charakteriert, benannt ist das nach Carl Sagan, einem Wissenschaftler und Autor (neben wissenschaftlichen Veröffentlichungen der SF „Contact”) der mit seiner humanistischen Einstellung Generationen von Wissenschaftlern und SF-Fans beeinflusst hat. Sagan wird die Vorstellung zugeschrieben dass technisch fortgeschrittene Zivilisationen (d.h. solche mit interstellarer Raumfahrt) auch einen moralischen Fortschritt erlebt hätten der sie pazifistisch stimmt.

Das Schisma zwischen Militaristen und Saganites besteht bis heute fort und schlägt sich in den Motiven der jeweiligen Schriftsteller nieder. Dabei haben die Fraktionen offenbar genug gemeinsam um summarisch als „Science Fiction” bezeichnet zu werden – damit wird es Zeit für einen Definitionsversuch der weltanschaulich gegensätzliche Positionen umfasst.

Definition Science Fiction

„I have a contextual problem” – der Satz beschreibt akkurat den Wirkungsmechanismus der SF, auch wenn es normalerweise deren Leser/Zuschauer sind die mit Kontextbrüchen (z.B. blauhäutigen Psychologinnen) konfrontiert werden. Darko Suvin bezeichnete das als „kognitive Entfremdung” – der Moment in dem dem Betrachter bewusst wird dass die Welt von der erzählt wird nicht mehr die seine ist, sondern auch vertraute Situationen neu evaluiert werden müssen. Nicht nur dass unsere eigenen Therapeuten (um beim Beispiel zu bleiben) nicht blau sind, wir leben in einer Welt in der blaue Therapeutinnen nicht (oder nur in umgangssprachlichen Metaphern) vorkommen; wo Psychiaterinnen blaue Haut haben können gibt es auch keine sonstigen Gewissheiten mehr.

Vermittler der Entfremdung ist das „Novum” – nach Suvin eine Neuerung, [deren] Gültigkeit mittels der Logik der Erkenntnis legitmiert wird. Die blaue Haut aus dem Filmbeispiel ist also nicht nur einfach surrealistisch, und auch nicht ein Ergebnis vom Magie oder Hexerei, sondern im Rahmen der erzählten Handlung eine Eigenschaft die sich auf grundsätzlich begreifbare Naturgesetze zurückführen lässt (in dem Fall darauf dass die blaue Dame von einem anderen Planeten stammt).

Dieser Anspruch auf Rationalität unterscheidet SF nicht nur von anderen Gattungen der phantastischen Literatur sonder grenzt sie auch gegen das Genre der religiösen Erzählungen ab die sich per Definition durch Berufung auf Unbegreifliches und Übernatürliches legitimieren. Das schliesst allerdings  thematische Überschneidungen nicht aus (sonst gäbe es ja keinen Vortrag), und wenn man dem entsprechenden Eintrag der Wikipedia glauben darf ist die Apokalyptik ein populäres Subgenre.

Bei allen Unterschieden ist SF überwiegend eine Kunstform jüdisch/christlich geprägter Länder (Europa inklusive Osteuropa/Russland, angloamerikanischer Raum). Entsprechend viel hat sie von den sprachlichen Traditionen aufgenommen, insofern wird man sich bei der Suche nach Ähnlichkeiten zur Religion an christlichen Weltuntergangsvorstellungen orientieren.

Definition Apokalypse

Religiöse Untergangsideen sind dabei natürlich älter als das Christentum oder die Texte des alten Testaments. Einer der prominenteren „Protoapokalypsen”  ist die altägyptische Prophezeihung des Neferti (zweites vorchristliches Jahrtausend), die vom Aufständen und dem Umsturz der Naturgesetze berichtet die andauern bis der rechtmässige König eingesetzt ist. Die Prophezeihung kann als flankierende Massnahme bei der Machtübernahme Amenemhet I. verstanden werden, den den „vorherbestimmten” Zustand herstellte indem er ein selbständiges ägyptisches „Proto-Bürgertum” wieder unter eine zentrale Ordnung zwang.

Der Begriff der jüdisch-christlichen “Apokalypse” ist von der griechischen Vokabel für „Offenbarung” abgeleitet; eine „Apokalyptik” als Zweig vergleichender Religionsforschung wurde um 1830 vom deutschen Bibelforscher Friedrich Lücke (1791-1855) etabliert.

Als bestimmendes Merkmal „apokalyptischer” Texte (gegenüber „herkömmlichen” Prophezeihungen) sah Lücke darin dass Offenbarungstexte nicht allgemein auf ein göttliches Wissen, sondern gezielt auf ein jenseitiges Reich verweisen dass nicht durch menschliche Leistungen, sondern nur durch göttliche Intervention erreicht werden kann.

Diese Weiterentwicklung wurde dadurch ausgelöst dass die prophetischen Texte  angesichts realer historischer Umstände an Deutungskraft verloren.  Die Einhaltung religiöser und sittlicher Gebote hatte für die Anhänger des alten Testaments (sprich die Juden) nicht ein jenseitiges Reich in Anwesenheit Gottes herbeigeführt. Im Gegenteil, seit der Eroberung Jerusalems durch die Babylonier (Nebukadnzar 587/586) v.Chr gab es keinen eigenständigen jüdischen Staat mehr (mit Ausnahme des Reiches 165 – 63 v. Chr. im Anschluss an den Makkabäer-Aufstand und bis zur Gründung Israels 1948).  Damit der religiöse Text weiterhin Gültigkeit beanspruchen und damit zum Zusammenhalt einer Gemeinschaft dienen konnte mussten seine Vorhersagen in den Bereich des Zukünftigen, Transzendenten und empirisch nicht Überprüfbaren verlegt werden.

Aber auch der Zweck der apokalyptischen Erzählung passte sich historischen Verhältnissen an. Die „typische” christliche Apokalypse – die Offenbarung des Johannes – enstand in einer Zeit in das Christentum keiner besonderen Verfolgung ausgesetzt war[2].  Der römische Kaiser Domitian (81-96) versuchte zur Stärkung der Zentralgewalt den römischem Staatskult wieder einzusetzen; wer sich dem verweigerte lief weniger Gefahr verfolgt als vielmehr ausgegrenzt (auch wirtschaftlich) zu werden. Die Johannesoffenbarung war eine Aufforderung an die sieben Gemeinden (Ephesus, Smyrna, Pergamon, Thyatira, Sardes, Philadelphia und Laodizea) mit der Aussicht auf ein jenseitiges Reich bei der Stange zu bleiben, auch wenn die Hinwendung zum Kaiserkult im Diesseits Vorteile gebracht hätte; wer sich den falschen Göttern zuwendet hat mit der Vernichtung durch das Gottesgericht zu rechnen.

Generell lassen sich folgende Merkmale für das „apokalyptische” Texte ausmachen:

  • sie sind von Erzählungen grosser Zerstörung verbunden die erst durch das Aufgehen in einem vorbeherbestimmten  jenseitigen Zustand ein Ende findet
  • sie bieten eine geschichtsphilosphische Ausdeutung einer realen historischen Konstellation
  • sie versprechen einer auserwählten Gruppe Erlösung in einem jenseitigen Reich bei gleichzeitiger Vernichtung diesseitiger Gegner.

Besonders unter dem Aspekt der Deutung gesellschaftlicher Verhältnisse lassen sich Ähnlichkeiten zwischen den Genres der Apokalypse und der SF ausmachen. Es gibt allerdings zwei bedeutende Unterschiede:

Während vom Standpunkt eines Gläubigen aus die Apokalypse durchaus begrüssenswert ist wird das Happy End in SF-Erzählungen gerade durch durch die Abwendung des Weltuntergangs erzielt. Und Offenbarungsgeschichten erreichen ihren Höhepunkt in einer endgültigen prästabilisierten Harmonie; nach dem Himmelreich folgt nichts mehr.

Es ist diese Vorstellung eines Endes der Geschichte das die religiöse Apokalyptik hauptsächlich von der SF unterscheidet. Nur wenige schlecht gelaunte Erzählungen handeln von der endgültigen Vernichtung, ansonsten geht es in dem Genre genauso oft um Anfänge wie um ein Ende.

(Der Ausschnitt ist falsch geschnitten, es geht um den Satz “We haven’t run out of history quite yet”)

Apokalyptik in der SF

Das Ende der Welt ist in der SF so häufig dass kaum etwas bleibt als sich darüber lustig zu machen:

Die unfehlbare Wikipedia listet etwa 1000 Titel in verschiedenen Medien zur apokalyptischen und „post-apokalyptischen SF”[3], nebst dem Hinweis das möglicherweise die Aufzählung mit den Titeln zur „nuklearen Apokalypse” zusammengelegt werden sollte. Wikipedia legt dabei eine unangemessen breite Definition von Apokalyptik zugrunde (im Sinne von Weltuntergangsphantasie), leistet aber immerhin eine brauchbare Taxonomie.

Weltuntergänge kommen danach in den Kategorien (Welt)-Krieg, Pandemie, Meteoriteneinschläge, Invasion durch Außerirdische , Aufstand der Maschinen, Monster und biologisch veränderte Menschen und ein paar weniger bedeutenden Randthemen.

Obwohl sich die Themen über die Jahrzehnte wiederholen (vor allem jetzt, im Zeitalter der Remakes) gibt es Motive die für bestimmte Epochen typischer sind als andere (zumindest typisch in dem Sinne dass bestimmte motivische Archetypen geschaffen haben).

Ende des 19./ Anfang des 20. Jahrhunderts war der Weltuntergang noch kein grosses Thema der SF.  Es gab Ausnahmen bei eher sozialkritischen/sozialistischen Autoren; in Sinclair Lewis „Millenium” (1906) wurde die Menschheit bis auf 10 Personen von einer Art Neutronenbombe ausgerottet  und H.G. Wells liess seine Figuren Invasionen (War of the Worlds) und den Kältetod der Erde erleben (Zeitmaschine).

Der Beginn der modernen SF wird aber üblicherweise mit dem Aufkommen der Pulp-Magazine a la Amazing Stories (ab 1926) oder Astounding Stories (ab 1930) datiert. Bei allem Hang zum Katastrophismus – in der Fortschrittsgläubigkeit von Herausgebern wie Gernsback und Campbell und ihren Phantasien von der Überlegenheit der menschlichen Rasse hatten Endzeitvisionen nichts zu suchen. Die historischen Verhältnisse wurden nicht prominent thematisiert, statt dessen wurde die scientifiction programmatisch als Wegweiser zu einer besseren Zukunft begriffen. Huxley’s „Schöne Neue Welt” (heute unbestritten ein Klassiker) wurde in Amazing Stories verrissen weil, so der unbekannte Rezensent, „[Huxley] Wissenschaft entweder nicht mag […] oder nicht an Wissenschaft glaubt”[4]

Die Jahre von 1940 – 1950 werden als das „Golden Age” der Science Fiction bezeichnet, und mit Autoren wie Asimov, Heinlein, Sturgeon, van Vogt und anderen erreichte die SF tatsächlich zum ersten Mal künstlerische Qualitäten[5];  vom Standpunkt einer „Apokalyptik” ist aber eher der Aufbruch in das farbenfrohere Medium des Films wichtig.

Die aufkommende Blockkonfrontation nach dem Ende des zweiten Weltkrieges wurde in Kinoproduktionen allegorisch verarbeitet,  einerseits mit McCarthy-istischen Phantasien wie der Adaption des Romans „Body Snatchers” (Buch 1956 von Jack Finney, Film 1957 mit Remakes 1978 und 1993 und Neuverfilmung 2007 als „The Invasion”) ; die USA werden von Ausserirdischen (Kommunisten) unterwandert die von echten Menschen (Kapitalisten) nur durch einen Mangel an Gefühlen unterscheidbar sind. Und 1953 warnte der Ausserirdische Klatuu dass die atomare Konfrontation zur Vernichtung der Menschheit führen wurde (im Film allerdings präventiv durch eine Art galaktische United Nations). [6]

Die 60er Jahre bringen (mindestens) einen genuin apokalyptischen Filmklassiker, insofern als das er tatsächlich das Ende der Menschheitsgeschichte bedeutet. Es geht um die leider ernst gemeinte Verfilmung des vielleicht nicht ganz so ernst gemeinten französischen Romans „Planet der Affen” (Pierre Boulle 1963, Verfilmung von 1967). Eine Gruppe von Raumfahrern landet auf einem Planeten der von Affen beherrscht wird und in dem sie schliesslich die verwüstete Erde erkennen. Die Apokalypse hat stattgefunden und die Menschen sind summarisch zu einer Existenz als grunzende Wilde verdammt worden; die Geretteten sind – Affen[7].

Anschliessend an die Voraussagen des Club of Rome[8] (Grenzen des Wachstums, 1972) gingen in den 70ern einige der bekannteren Öko-Apokalypsen an den Start. In „Silent Running” verteidigte Freeman Lowell in einem Raumschiff die letzten lebenden Pflanzen von der Erde – der „Witz” des Filmes lag darin dass der Menschheit gar nicht bewusst war was sie verloren hatte, sondern im Gegenteil froh war das stinkende Grünzeug endlich los zu sein [9].

Noch mehr im Sinne von „Limits of Growth” war der Film „Soylent Green” (1973, nach der Geschichte „Make Room, make room” von Harry Harrison 1966). Der Film thematisiert Überbevölkerung und die Erschöpfung aller Nahrungs- und Rohstoffquellen, bis hin zu der Pointe dass eine gierige Nahrungsmittelfirma die Unterschicht mit ihren eigenen Toten füttert.

In den 80ern herrschte (wieder einmal) die Furcht vor der Bombe. Allerdings waren die einschlägigen Filme (Malevil, The Day After, Wenn der Wind weht) keinen genuinen SF-Filme – die Vorstellung eines Atomkrieges war zu präsent um ein echtes „Novum” zu bilden[10].  Erst in Verbindung mit einem einem Thema – dem Aufstand der Maschinen – wurde der Atomkrieg zu einem echten Science Fiction Knüller.

Religiöse Sprache der SF – Terminator

Terminator ist nach Star Wars und Star Trek wohl das erfolgreichste SF-Franchise[11]. Neben vier Kinofilmen (zwei weitere in Planung) gibt es eine Fernsehserie, Comics (inklusive Crossovers wie „Terminator gegen Supermann”), Bücher und mindestens ein Dutzend Computerspiele vom Arkadegame bis zum Terminator-Schachprogramm.

Die Terminator-Filme haben sich dabei ständig einer religiösen Symbolik bedient. Das Ende der Menschheit kam am „Judgement Day”, der neueste Film verspricht die Erlösung („Salvation”), der Retter trägt die Initialien J(ohn) C(onnor) und ist nach dem Motto „einmal ist keinmal” so gut wie jungfräulich gezeugt. Irgendwo stossen die Armeen des Bösen und des Guten zusammen, und ständig laufen verwirrte Typen durch die Filme die das Ende der Welt für die nähere Zukunft  voraussagen.

Allerdings enden die religiösen Parallelen damit nicht. Wer ein Franchise-Unternehmen von biblischen Ausmassen betreibt steht damit vor dem gleichen Problem wie jeder bessere Religion, er muss nämlich begründen warum das von Beginn an vorausgesagte Ende nun doch noch nicht eintritt und das Publikum gleichzeit mit neuen, noch aufregenderen Prophezeihungen bei der Stange halten.

Und je umfangreicher der Korpus an Terminator-Texten wird desto mehr wachsen die Schwierigkeiten der Exegese. Die Apokalypse muss entsprechend den Erfordernissen der Handlung verlegt werden (von 1997 im Original-Terminator zu 2007 (?) in den Sara Connor Chronicles),  der kanonische Status des dritten Terminator-Films wird in Frage gestellt (der Film ist kaum kompatibel mit dem Rest der Handlung) und im Trailer zu Salvation stellt John Connor fest dass die Prophezeihungen aus seiner Jugend falsch waren obwohl sie aus seiner eigenen Zukunft stammen. Comics und Bücher stellen in dem Zusammenhang wohl so etwas wie Apokryphen dar.

Nun ist der Vorschlag sicher nicht das Franchise als Prophezeihung zu betrachten und die Kirche des heiligen Terminators zu gründen[12]. Eher im Gegenteil. Wenn einfach jeder ausführliche Textkorpus der sich mit Zukunft befasst ähnliche Strukturen zeigt dann kann man auch einen eher weltlichen Ursprung der Bibel hin.

A New Superstition – die Okkupation eines säkularen Textes in I am Legend

Es ist aber nicht immer die SF die sich an religiösen Texten vergreift  – gelegentlich ist es auch umgekehrt.

1954 veröffentliche Richard Matheson den Roman „I am Legend” als eine naturwissenschaftliche Ausdeutung des Vampirmythos. In dem Buch wird die gesamte Menschheit von einer Plage erfasst die die Befallenen entweder tötet oder sie in nachtwandelnde Monster mit einer Furcht vor religiösen Symbolen verwandelt. Robert Neville als einziger nicht infizierter Mensch hält in seiner Wohnung der Belagerung durch die „Vampire” stand.

Der Roman wurde dreimal verfilmt und wurde mit jedem mal der Vorlage unähnlicher.

Der Film von 1964 (Last Man on Earth) änderte nur einige Kleinigkeiten und behielt vor allem das grimmige Ende bei. Der Omegaman von 1977 handelte von biologischer Kriegsführung statt natürlicher Pandemie und fügte das Überleben einer nicht infizierten Menschengruppe als Happy End an.

Aber die bislang perfideste Übernahme des Textes  geschah in der Verfilmung 2007 durch Regisseur Francis Lawrence (mit Will Smith in der Hauptrolle). Die beiden grossen Themen des Romans – menschliche Erkenntnisfähigkeit und der Umgang mit dem Fremden – wurden hier ins Gegenteil verkehrt und religiös-fundamentalistisch ausgedeutet.

Der Robert Neville aus dem Roman ist ein einfacher Fabrikarbeiter dessen Welt einstürzt als die Krankheit den grössten teil der Weltbevölkerung einschliesslich seiner Familie auslöscht und den Rest in vampirähnliche Monster verwandelt; nachdem ihm seine eigene Frau als Wiedergängerin begegnet macht er sich in einem aussichtlosen Feldzug daran die Monster mit Pfählen und Kreuzen auszurotten. Nach jahrelanger mühseliger Schlachterei experimentiert mit effektiveren Tötungsmethoden; er bildet sich mit Büchern aus den verlassenen Universitäten fort und erkennt durch sein neues Wissen schliesslich dass er es nicht mit Monstern zu hat, sondern mit Menschen die durch die Seuche buchstäblich aus dem Grab zurückgeholt wurden und darüber in den Wahnsinn verfallen sind; ihr vampirhaftes Verhalten ist Ausdruck einer kollektiven Neurose als einziges Mittel sich ihren verfallenen Zustand erklärbar zu machen.

Der Robert Neville aus dem Film ist ein Militärarzt der eigentlich ein Mittel gegen Krebs finden wollte; als sein Mittel statt dessen die Menschen in blutsaugende Monster verwandelt quält er Dutzende von ihnen auf der Suche nach einem Gegenmittel zu Tode, und spielt in seiner Freizeit auf einem verlassenen Flugzeugträger Golf. Sein Zynismus wird erst gelindert als eine überlebende (nicht infizierte)  Frau mit ihrem Sohn zu ihm stösst und ihn davon überzeigt dass er Teil von „Gottes Plan” sein. Wenn es Gottes Plan ist alle bis auf eine handvoll Menschen umzubringen dann sind wir wohl tatsächlich in der Apokalypse angelangt.

Perfide ist das nicht wegen der allgemeinen Fortschrittfeindlichkeit die uns einmal mehr vorleiert dass es Dinge gäbe an denen Menschen nicht rühren sollten (die Heilung von Krankheiten gehört offenbar dazu). Das Perfide ist das Mathesons Buch eine Geschichte über menschliche Evolution ist;  ein Teil der Menschheit entwickelt sich als natürliche Reaktion zur einer neuen Spezies die den Homo Sapiens auf der Erde ablöst. Im Film wird die Menschheit durch die Selbstopferung Nevilles gerettet, der ein Gefäss mit Blut zur Entwicklung eine Serums weitergibt (heiliger Gral ick hör dir trapsen).

Der Film endet in einer Kreuzung aus Kleinstadt und KZ, in dem die Überlebenden des Armageddon mit Mauern und Automatikwaffen gegen die Horden des Bösen abgeschirmt werden[13], während eine Voice-Over Stimme das Blutopfer Robert Nevilles preist.

Wie minderwertig diese fundamenalistische Version ist merkt man besonders im direkten Vergleich mit dem Original.

Robert Neville wird von den Vampiren gefangen genommen die entschieden haben dass ihre neue Gesellschaft ihn nicht mehr ertragen kann – ihn, den Menschen, der tagsüber wenn anständige Monster schlafen herumschleicht und sie in ihren Betten ermodert. Um Frieden zu finden beschließen sie die Austreibung des Bösen als öffentliche Hinrichtung zu inszenieren, und es ist nur der Freundlichkeit einer Vampirfrau zu verdanken dass er die Mittel erhält sich selbst ohne Zuschauer zu töten. Als er allmählich hinwegdämmert denkt er daran wie sich diese neue Spezies Mensch einst an ihn erinnern wird.

Full circle, he thought, while the final lethargy crept  into his limbs. Full circle. A new terror born in death, a new superstition entering the unassailable fortress of forever.

I AM LEGEND

The Desert of the real World – Cyberpunk als Ende der Teleologie in der SF

Cyberpunk ist selbst kein “apokalyptisches” Genre; die Schauplätze des Cyperpunk werden gelegentlich als „postapokalyptische Welten” betrachtet, aber das ist begrifflicher Blödsinn; es gibt per Definition keine (diesseitige) Welt nach der Apokalypse.

Samuel Delanys Roman Nova wird gelegentlich als ein Vorläufer des Cyberpunk betrachtet, obwohl er thematisch eher zwischen Space Opera und Postmoderne angesiedelt ist. Ein bestimmendes Element für die Konstitution der Gesellschaft in Nova ist das „Plugging in”, eine direkte körperliche Verbindung zwischen Mensch und Maschine (d.h. Menschen bekommen Stecker in den Körper implantiert die sie mit den Maschinen verbinden können). In der fiktiven Soziologie von Nova wird damit eine gesellschaftliche Krise gelöst die durch entfremdete Arbeit ausgelöst wurde.

„Now a man went to a factory, plugged himself in and he could push the raw materials in the factory with his left foot, shape thousands on thousands of precise parts with one hand, assemble with another and shove out a line of finished products with his left foot, having inspected each of them with his own eyes.”

Statt an einem Fliessband zu stehen und weder den Ausgangspunkt noch das Endergebnis ihrer Arbeit zu sehen sind die Arbeiter nun unmittelbar an jedem Schritt der Produktion beteiligt und gewinnen dadurch ein neues Gefühl von Zufriedenheit. Der eher einfältige Marxismus dahinter ist weniger bemerkenswert als die sehr positive Darstellung der Mensch/Maschine-Symbiose.

Im sieben Jahre später geschriebenen „Shockwave Rider” (John Brunner 1975) finden sich schon typische Cyberpunk-Momente; vor allem ist Technik nicht mehr ein Mittel zur proletarischen Emanzipation, sondern ein Kontrollinstrument in einer niedergehenden Gesellschaft. Nur einzelne begabte Individuen können die repressive Technik gegen ihre Urheber wenden (aus Shockwave Rider stammt die Idee der Sabotage durch „Computerwürmer”).

Obwohl der Begriff nicht von ihm stammt[14] ist es William Gibson der die Vorstellung von Cyperpunk am stärksten geformt hat. Das herausragende Element bei Romanen wie Neuromancer ist eine Art Mangel an Phantasie, als hätte da einer nicht begriffen dass Computeroberflächen nur Metaphern sind und sei davon überzeugt  das irgendwo auf der anderen Seite des Bildschirms tatsächlich irgendwo materiell fassbare Ordner, Mülleimer und Fenster zu finden seien. Aber gerade damit hat Gibson einen Archetypen erschaffen, die Vorstellung vom Cyberspace als realem Handlungsraum.

Von den Anfängen des WWW bis zu den heutigen „Digital Natives” gibt es Computernutzer die jenseits aller Erfahrung davon überzeugt sind dass sie sich im Cyberspace bewegen und darin interagieren – selbst wenn sie beobachtbar nichts anderes tun als vor ihrem Rechner im Sessel zu hocken.

Im Kontrast zur aufregenden Welt innerhalb der Computernetzwerke steht die Darstellung der physischen Welt in Cyberpunk-Erzählungen.

Die Gesellschaft ist polarisiert und gespalten in Superreiche und  Superarme nahezu ohne Zwischentöne; Luxusappartments in den Wolkenkratzern der Megastädte auf der einen, Ghettos und Slums auf der anderen Seite; Hochtechnisierung wo sie Reichen nutzt bei gleichzeitigem Verfall der allgemeinen Infrastruktur. Das einzig versöhnliche Element ist dass heroische Super-Hacker das System zum Vorteil der Allgemeinheit (Jonny zwingt den bösen Pharmakonzern bis zur Herausgabe eine Allheilmittels)  überlistet werden kann.

Das Problem damit ist vom Standpunkt utopischer Erzählungen dass die Narration der Realität zu nahe kommt. Netzwerke, Computerwürmer und  -viren,  staatliche Überwachung und Sabotage durch Hacker sind heute genauso Realität wie der Verfall öffentlicher Infrastruktur, das Verschwinden einer gesellschaftlichen Mittelschicht und eine Aufspaltung immer grössere Grade von Arm gegen Reich.  Die stärkste Ausprägung findet das im Film „Matrix” in dem dann tatsächlich alle Menschen auf der Seite der Super-Armen stehen und nur noch zum Zwecke der Stromerzeugung überhaupt am Leben erhalten werden[15].

Science  Fiction ist eine Literaturgattung die sich durch Konzentration auf ein erzählerisches Novum konzentriert; wenn die Welt zwischen den Buchdeckeln bzw. auf dem Fernsehschirm genauso und auf die gleiche Art besch.. ist wie die Welt des Betrachters ist das Novum verloren gegangen und die teleologische Deutungshoheit des Genres hat sich erledigt.

Von Apokalypse kann dann nicht mehr die Rede sein, das Ende der Welt wird wegen der herrschenden Finanzkrise auf unbestimmte Zeit verschoben.

“Welcome to the desert of the real”

Fussnoten:

[1] “Individual science fiction stories may seem as trivial as ever to the blinder critics and philosophers of today – but the core of science fiction, its essence has become crucial to our salvation if we are to be saved at all”

[2] Nagel/Schipper/Weymann “Apokalypse” Campus 2007, S.90. Die angebliche Christenverfolgung unter Dominitian fand wohl nie statt.

[3] http://en.wikipedia.org/wiki/List_of_apocalyptic_and_post-apocalyptic_fiction. Ich habe es ehrlich gesagt nicht gezählt sondern einfach eine grosser Zahl hingeschrieben.

[4] Mendlesohn (Hrg) “Cambridge Companion to Science Fiction” Cambrigde 2003, S. 44

[5] Wenn auch meistens eher in ihren Ideen als in der tatsächlichen stylistischen Qualität

[6] Atombomben hatten noch eine Reihe weniger apokalyptische Wirkungen – in den 60ern mutierten sie  Legionen von Teenagern in den X-Men-Comics, weckten Godzilla et.al. in Japan und liessen Spinnen (Tarantula 1955)  und Ameisen (Them 1956) zu gigantischer Grösse anwachsen. Bei der Recherche habe ich auch gelernt dass es eine Wikipedia-Kategorie für „fiktive Ameisen” gibt.

[7] Hier gibt es schon einen Bedeutungswandel zwischen Text und Film – in Boulles Roman  degenerierte eine (menschliche) Oberschicht weil sie alle Arbeit von einer Unterschicht (dressierten Affen) erledigen liess. Im Film gibt es Hinweise auf einen (nuklearen) Kriegt der das Ende der Menschheit bedeutete.

[8] Der Club of Rome begann als informelles Treffen einiger Industrieller und Wissenschaftler in einer römischen Villa 1968. Der CoR hat keine besondere Sachkenntnis gegenüber anderen zufälligen Versammlungen und „Grenzen des Wachstums” wurde kurz nach dem Erscheinen als „gefährlicher Unfug” kritisiert. In der Tat sind die Prophezeihungen vom Ende der natürlichen Ressourcen bislang nicht eingetreten.

[9] Wer gezwunden ist einen SF-Soundtrack von Joan Baez anzuhören kann sich immerhin vorstellen wie die Apokalypse klingen muss.

[10] Es scheint als wären Atomkriegserzählungen entweder apokalyptisch, insofern als die Geschichte endet (On the Beach etc) oder SF (mehr interessiert darin eine Tabula Rasa für eine neue Gesellschaft zuschaffen,  A Canticle for Leibowitz 1960) und kaum jemals beides gleichzeitig.

[11] Wo wir beim Thema Bedeutungswandel sind: „Franchise” bedeutete früher mal politische Teilhabe. Jetzt steht das Wort für die Lizenz mit einem Markennamen Geld zu verdienen.

[12] Ausserdem stünde zu fürchten dass die australischen Jedi-Ritter ihre Macht gegen uns einsetzen

[13] Mauern baut man bekanntlich nur um Monster draussen zu halten. Das ist sozusagen der antiapokalyptische Schutzwall.

[14] Sondern von Bruce Bethkes Kurzgeschichte “Cyberpunk,” published in 1983

[15] Matrix verletzt hier grosszügig die Gesetze der Thermodynamik indem aus Menschen mehr Energie herausgeholt wird als man in sie hineinsteckt. Die Kritik hat sich meines Wissens noch nicht mit der Frage befasst warum die Matrix überhaupt Menschen ausbeutet obwohl es viel effektiver wäre ohne sie auszukommen – wenn schon biologische Energie dann würden sich Kühe oder Schweine (Methan!) besser eignen.

    Leave a Reply

    Your email address will not be published. Required fields are marked *